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Definition

Gnosticism bezeichnet eine Gruppe religiöser und philosophischer Bewegungen aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung, die alle auf dem Begriff *Gnosis* aufbauen — direktem, persönlichem Wissen um das Göttliche als Weg zur Befreiung. Gnostische Systeme gehen in der Regel davon aus, dass die materielle Welt von einem fehlerhaften oder unwissenden Schöpfergott (dem Demiurgen) erschaffen wurde und dass ein Funke göttlichen Lichts im Menschen gefangen ist, der darauf wartet, erkannt zu werden.

Ausführliche Erklärung

Der Kern des Gnostizismus ist eine ziemlich radikale Behauptung: Gewöhnliche Religionspraxis verfehlt den Punkt. Es geht nicht darum, Regeln zu befolgen oder Rituale zu vollziehen — sondern darum zu wissen, wer man wirklich ist und woher man kommt. Die meisten gnostischen Systeme beschreiben eine Hierarchie göttlicher Wesen, sogenannte Äonen, die aus einem höchsten, unerkennbaren Gott hervorgehen. Irgendwo in diesem Prozess schuf ein minderer Schöpfer — der Demiurg — die physische Welt, aus Unwissenheit oder Anmaßung. Menschen tragen einen Splitter des ursprünglichen göttlichen Lichts in sich, haben das aber vergessen. *Gnosis* ist der Moment, in dem dieses Vergessen endet. Gnostische Gruppen nutzten Texte, Rituale und mythologische Erzählungen, um diese Erkenntnis auszulösen. Die valentinianische Schule entwickelte ausführliche kosmologische Systeme, die Sethianer setzten auf rituelle Taufe und visionäre Texte. Beide betrachteten die Körperwelt mit Misstrauen — obwohl nicht alle Gnostiker Asketen waren; manche zogen aus denselben Prämissen genau entgegengesetzte Schlüsse.

Geschichte & Ursprünge

Das Wort leitet sich vom griechischen *gnōsis* ab, was Wissen bedeutet — genauer gesagt jene Art von Wissen, die aus direkter Erfahrung entsteht, nicht aus Belehrung. Die Bewegungen, die wir heute als gnostisch bezeichnen, blühten vor allem im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. in Ägypten, Syrien und im Römischen Reich auf. Valentinus (tätig in Rom um 136–165 n. Chr.) und Basilides (Alexandria, frühes 2. Jahrhundert) entwickelten vollständige theologische Systeme. Häresiologen wie Irenäus von Lyon griffen diese Gruppen in Texten wie *Adversus Haereses* (ca. 180 n. Chr.) an — und gerade dadurch ist ein Großteil der frühen Überlieferung erhalten geblieben. Der Fund der Nag-Hammadi-Schriften 1945 in Ägypten — eine Sammlung von 52 koptischen Texten, darunter das Thomasevangelium und das Philippusevangelium — hat die moderne Forschung grundlegend verändert, weil damit erstmals Primärquellen statt nur feindseliger Zusammenfassungen vorlagen.

Praktische Tipps

Ein guter Einstieg sind die Nag-Hammadi-Texte selbst — die von James Robinson herausgegebene Sammlung *The Nag Hammadi Library* (Harper & Row, 1978) gilt nach wie vor als Standardübersetzung ins Englische. Elaine Pagels' *The Gnostic Gospels* (1979) ist die lesbarste wissenschaftliche Einführung und hat den National Book Award nicht ohne Grund gewonnen. Wer mehr an der kosmologischen Seite interessiert ist, findet bei Giovanni Filoramos *A History of Gnosticism* technisch präzisere Ausführungen, ohne dass es unzugänglich wird. Wer eine lebendige Tradition sucht statt nur Geschichtsforschung: Die Ecclesia Gnostica, 1970 von Stephan Hoeller in Los Angeles gegründet, hält bis heute Gottesdienste und Vorträge ab und veröffentlicht zugängliches Material über das Gnosis-Journalarchiv der Theosophischen Gesellschaft.