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Definition

Ein vielschichtiger Begriff aus der indischen Philosophie, der kosmische Ordnung, moralisches Gesetz, rechtmäßige Pflicht und den Weg bedeutet, im Einklang mit der Wahrheit und der eigenen Wesensart zu leben.

Ausführliche Erklärung

Dharma (Sanskrit: धर्म, *dharma*; Pali: *dhamma*) hat in den verschiedenen indischen Traditionen jeweils eigene Bedeutungsnuancen, aber die Grundbedeutung — *das, was trägt und aufrechthält* — zieht sich durch alle hindurch. Die Sanskritwurzel ist *dhṛ-* („halten, tragen, stützen“). Im hinduistischen Denken wirkt Dharma auf mehreren Ebenen gleichzeitig: *sanātana dharma* bezeichnet die kosmische Ordnung als solche, *varṇāśrama dharma* die Pflichten, die sich aus Lebensphase und gesellschaftlichem Kontext ergeben — wie sie etwa in der *Manusmṛti* ausgeführt werden —, und *svadharma* die Pflicht, die der eigenen besonderen Natur entspricht, was das zentrale Argument der *Bhagavad Gītā* ist. Im Buddhismus meint *dhamma* konkret die Lehren des Buddha und die Wirklichkeit, die diese Lehren beschreiben; es ist das zweite der Drei Juwelen (Buddha, Dhamma, Saṅgha). Im Jainismus wird Dharma auf *ahimsa* als metaphysisches Prinzip ausgeweitet. Im Sikhismus ist Dharma dienende Pflicht. Die im Westen verbreitete Lesart von Dharma als „persönlicher Lebensweg“ ist eine Vereinfachung — nicht falsch, aber stark verkürzt. Die klassischen Texte behandeln es zuerst als relationales und kosmisches Konzept.

Geschichte & Ursprünge

Dharma taucht im *Rig Veda* (zusammengestellt ca. 1500–1200 v. Chr.) zunächst vor allem als *ṛta* (kosmische Ordnung) auf; *dharman* entwickelt sich daraus als abgeleiteter Begriff. Die klassische hinduistische Ausformulierung findet sich in den *Dharma Sūtras* (ca. 600–200 v. Chr.) und den *Dharma Śāstras*, darunter die *Manusmṛti* (ca. 200 v. Chr.–200 n. Chr.). Die *Bhagavad Gītā* — entstanden innerhalb des *Mahābhārata*, ca. 400 v. Chr.–400 n. Chr. — liefert die literarisch ausgefeilteste Behandlung des Themas, besonders in Krishnas Unterweisungen an Arjuna über *svadharma*. Das buddhistische *dhamma* ist im Pali-Kanon belegt, der ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. mündlich überliefert und ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. in Sri Lanka schriftlich fixiert wurde. Die Edikte Ashokas aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. verwenden *dhamma* als Grundlage einer gesamtindischen Staatsethik. Im Westen wurde das Konzept vor allem durch die Sanskritwissenschaft des 19. Jahrhunderts bekannt — Max Müllers Reihe *Sacred Books of the East* (1879–1910) — sowie durch Lehrer des 20. Jahrhunderts wie Mahatma Gandhi, Ramakrishna und Vivekananda.

Praktische Tipps

Greif lieber auf die Quellen einer bestimmten Tradition zurück, statt Dharma als allgemeinen Sammelbegriff zu behandeln. Für den hinduistischen Zugang ist Eknath Easwarans Übersetzung der *Bhagavad Gītā* (1985) der zugänglichste Einstieg; für den buddhistischen Sinn stellt Bhikkhu Bodhis *In the Buddha's Words* (2005) die wichtigsten Stellen aus dem Pali-Kanon zusammen. Achte beim Lesen darauf, auf welcher Ebene von Dharma jeweils die Rede ist — kosmisch, gesellschaftlich oder persönlich —, weil genau das Vermischen dieser Ebenen die westliche Populärrezeption so oft in die Irre führt. Wer einen wissenschaftlich fundierten, aber gut lesbaren Überblick über alle Traditionen sucht, findet ihn in Patrick Olivelles *Dharma: Studies in Its Semantic, Cultural, and Religious History* (2009).