Die Hohepriesterin
Tarot & WahrsagereiDefinition
The High Priestess ist die zweite Karte der Großen Arkana, zwischen dem Magier und der Herrscherin im Narrenweg. Sie steht für das Unbewusste, verborgenes Wissen und eine Intuition, die noch nicht in Worte gefasst wurde. Aufrecht bedeutet sie: Die Antwort, die du suchst, liegt gerade nicht in der Außenwelt — sie ist schon in dir, sie wartet nur.
Ausführliche Erklärung
Im Rider-Waite-Smith-Deck (1909) sitzt die Hohepriesterin zwischen zwei Säulen, beschriftet mit B und J — Boas und Jachin, die Doppelsäulen des Salomonischen Tempels. Sie hält eine halb sichtbare Torarolle mit der Aufschrift TORA, hinter ihr hängt ein Vorhang aus Granatäpfeln, zu ihren Füßen liegt eine Mondsichel. Das ist alles kein Beiwerk. Die Säulen zeigen Dualität ohne Auflösung. Der Vorhang markiert die Grenze zwischen dem Bekannten und dem, was noch verborgen bleibt. Und die Rolle, die sie nicht ganz zeigt — das ist der eigentliche Punkt. Sie hält Wissen zurück, das sie noch nicht herausgibt. Aufrecht taucht diese Karte auf, wenn etwas Wichtiges unter der Oberfläche arbeitet: eine Situation, die Geduld braucht, keine Aktion. Umgekehrt deutet sie oft auf ignorierte Instinkte, zurückgehaltene Informationen oder die Weigerung hin, das anzuschauen, was man eigentlich schon weiß. Sie ist nicht der Eremit — sie hat sich nicht von der Welt zurückgezogen. Sie ist da, sie beobachtet, und sie redet nicht.
Geschichte & Ursprünge
Der früheste Vorläufer der Karte findet sich im Visconti-Sforza-Tarot, um 1450 in Mailand gemalt, wo die Figur *La Papessa* hieß — die Päpstin. Das Bild bezog sich wahrscheinlich auf die legendäre Päpstin Johanna oder auf Manfreda Visconti, eine Äbtissin der Guglielmiten aus dem 13. Jahrhundert, von der ihre Anhänger glaubten, sie werde Papst werden. Im Tarot de Marseille (französische Tradition, 17.–18. Jahrhundert) behielt die Karte die Bezeichnung *Papesse*. Antoine Court de Gébelins Werk *Le Monde Primitif* (1781) deutete das Tarot als ägyptisches Mysteriensystem um und gab Karten wie dieser eine esoterische Lesart, die sie vorher nicht hatten. Eliphas Lévi verknüpfte sie in seinem *Dogme et Rituel de la Haute Magie* (1854) mit der Kabbalah. A.E. Waite und Pamela Colman Smith überarbeiteten die Bildsprache für das RWS-Deck von 1909 grundlegend — die päpstliche Figur wich einer Hohepriesterin aus hermetischer und kabbalistischer Symbolik. Crowleys Thoth-Tarot (gemalt von Lady Frieda Harris, erschienen 1944) nennt sie schlicht die Priesterin und verortet sie auf dem kabbalistischen Pfad zwischen Kether und Tiphareth.
Praktische Tipps
Rachel Pollacks *Seventy-Eight Degrees of Wisdom* (1980) enthält eine der fundiertesten Deutungen dieser Karte — allein ihre Analyse der B- und J-Säulen ist das Kapitel wert. Mary K. Greers *Tarot for Yourself* (1984) bietet strukturierte Journaling-Übungen, die sich Karte für Karte anwenden lassen, auch für die Hohepriesterin. Als Einstiegsübung: Leg die Karte allein vor dich hin und schreib auf, was du siehst — ohne vorher nachzuschlagen. Dann vergleich deine Beobachtungen mit einer Referenz. Biddy Tarot erklärt aufrechte und umgekehrte Bedeutungen in klarer Sprache, und die Labyrinthos Academy hat einen kostenlosen illustrierten Leitfaden, der beim Aufbau visueller Lesekompetenz mit RWS-Symbolik hilfreich ist.
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