Trickster
Mythologie & VolksüberlieferungDefinition
Eine der beständigsten Archetypen der Weltmythologie: eine Figur, die Regeln bricht, Ordnung durcheinanderbringt und Konventionen mit List und Täuschung herausfordert — gleichzeitig Auslöser von Wandel und lebendiger Beweis dafür, dass starre Strukturen gelegentlich ins Wanken geraten müssen.
Ausführliche Erklärung
Der Trickster taucht in den unterschiedlichsten Kulturen in erstaunlich ähnlicher Gestalt auf: Hermes und Prometheus in der griechischen Mythologie, Loki in der nordischen Überlieferung, Kojote und Rabe in nordamerikanischen Erzählungen, Anansi die Spinne in westafrikanischen Geschichten, Sun Wukong (der Affenkönig) in der chinesischen Mythologie und Maui in der polynesischen Sagenwelt. Bei aller Verschiedenheit teilen diese Figuren dieselben Grundzüge: Sie überschreiten Grenzen, bewegen sich zwischen Welten und sozialen Kategorien, setzen Witz statt Kraft ein, erschaffen oft durch Zufall oder als unbeabsichtigte Folge ihrer eigenen Pläne — und lassen sich weder von göttlichen noch von menschlichen Regeln einschränken. Ihre Geschichten sind gleichzeitig komisch und tiefgründig. Psychologisch steht der Trickster für die kreative Kraft, die an den Rändern des Bewusstseins entsteht: der Teil, der Annahmen hinterfragt, Schein durchschaut und Wandel auslöst, indem er das Erstarrte aufbricht. Ohne diese Energie stagnieren Systeme. Mit ihr kommt eine unbequeme, aber notwendige Entwicklung in Gang.
Geschichte & Ursprünge
Als eigenständige kulturübergreifende mythologische Kategorie wurde der Trickster erstmals systematisch vom Anthropologen Paul Radin (1883–1959) beschrieben — in seiner Untersuchung des Trickster-Zyklus der Winnebago (Ho-Chunk): *The Trickster: A Study in American Indian Mythology* (1956), mit Kommentaren von Karl Kerényi (zu griechisch-römischen Parallelen) und Carl Jung (zum psychologischen Archetyp). Frühere vergleichende Dokumentation findet sich bei Franz Boas in *Tsimshian Mythology* (1916) für das nordamerikanische Pazifik-Nordwest-Material sowie bei Robert H. Lowie in *Primitive Religion* (1924). Joseph Campbell behandelte den Trickster als zentrale Figur in seiner Analyse des Monomythos in *The Hero with a Thousand Faces* (1949). Lewis Hydes *Trickster Makes This World: Mischief, Myth and Art* (1998) gilt als die meistzitierte zeitgenössische literarisch-kulturelle Studie und überträgt die Figur auf moderne Kunst, Jazz und kreative Innovation. Zu den primärquellenbezogenen Einzeltraditionen: Robert Graves' *The Greek Myths* (1955) für Hermes und Prometheus; die *Prose Edda* (~1220 n. Chr.) für Loki; *Die Reise nach Westen* (Wu Cheng'en, ~16. Jahrhundert n. Chr.) für Sun Wukong; die mündlichen Anansesem-Sammlungen der westafrikanischen Akan-Tradition für Anansi.
Praktische Tipps
Als Einstieg in die zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem Trickster empfiehlt sich Lewis Hydes *Trickster Makes This World* (1998) — die Standardreferenz für den literarisch-kulturellen Zugang. Danach lohnt es sich, für mindestens eine konkrete Figur zu den Primärquellen zu greifen, statt bei der abstrakten Archetyp-Zusammenfassung zu bleiben: Wu Cheng'ens *Die Reise nach Westen* (übersetzt von Anthony C. Yu, 1977–1983, vier Bände) für Sun Wukong; Snorri Sturlusons *Prose Edda* (übersetzt von Jesse Byock, 2005) für Loki; Robert D. Peltons *The Trickster in West Africa* (1980) für Anansi. Das Quellmaterial ist erheblich umfangreicher, als die populären Archetyp-Zusammenfassungen vermuten lassen. Für den tiefenpsychologischen Zugang sind Karl Kerényis Kapitel in Radins *The Trickster* (1956) nach wie vor die grundlegende Referenz.
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