Orakel von Delphi
Mythologie & VolksüberlieferungDefinition
Das angesehenste Orakel der antiken griechischen Welt: Hier versetzte sich die Priesterin Pythia in einen Trancezustand, um Prophezeiungen zu übermitteln, die vom Gott Apollon stammen sollten — konsultiert von Königen, Feldherren und einfachen Bürgern über mehr als tausend Jahre hinweg.
Ausführliche Erklärung
Delphi lag am Südhang des Parnass, rund 180 km nordwestlich von Athen, und galt den Griechen als *omphalos* — „Nabel“ der Welt. Ein marmerner Omphalosstein ist bis heute im Archäologischen Museum von Delphi erhalten. Die Pythia — anfangs musste sie eine Jungfrau unter dreißig sein, später nach einem Skandal eine ältere Frau in jungfräulicher Kleidung (so Plutarch in *De Pythiae oraculis*) — saß auf einem bronzenen Dreifuß über einem Spalt im *Adyton* des Apollontempels und empfing Ratsuchende am siebten Tag jedes Monats, ursprünglich nur neunmal im Jahr, dann monatlich außer im Winter. Das Prozedere war festgelegt: Eine Ziege wurde mit kaltem Wasser besprengt und musste zittern, bevor die Befragung beginnen durfte; der Ratsuchende entrichtete eine Gebühr (den *pelanos*) und brachte ein Opfer dar. Die Äußerungen der Pythia wurden von Tempelpriesten aufgezeichnet und oft in Verse gefasst. De Boer, Hale und Chanton wiesen 2001 (*Geology*, Bd. 29) nach, dass am Kreuzungspunkt der Delphi- und Kerna-Verwerfungen unter dem Tempel Ethylen und Ethan austreten — was gut zu Plutarchs Bericht aus dem ersten Jahrhundert über ein süßlich riechendes *pneuma* passt. Die These, Ethylen habe den Trancezustand ausgelöst, ist allerdings umstritten: Lehoux (2007) und Foster & Lehoux (2007, *Clinical Toxicology*) argumentierten, die Inhalationskonzentrationen wären für die beschriebenen Wirkungen zu gering gewesen.
Geschichte & Ursprünge
Delphi war vom 8. Jahrhundert v. Chr. bis 393 n. Chr. ununterbrochen in Betrieb, als Kaiser Theodosius I. alle heidnischen Orakel schließen ließ. Herodot (*Historien*, ca. 440 v. Chr.) überliefert die berühmte Kroisos-Befragung (ca. 547 v. Chr.) — „wenn er den Halys überschreite, werde ein großes Reich fallen“ — und tatsächlich war es sein eigenes. Plutarch, der um 95–125 n. Chr. selbst als Priester in Delphi wirkte, verfasste drei Dialoge über das Orakel: *De E apud Delphos*, *De Pythiae oraculis* und *De defectu oraculorum*, wobei er im letzten den Niedergang des Orakels zu seinen Lebzeiten dokumentiert und das *pneuma* direkt erörtert. Der griechische Geograph Strabon (ca. 7 v. Chr.) beschreibt den Erdspalt. Die modernen Ausgrabungen begannen 1880 (Bernard Haussoullier und die École française d'Athènes); die *Grandes Fouilles* von 1892–1903 unter Théophile Homolle legten Tempel und Schatzhäuser frei. Zu den meistzitierten erhaltenen Artefakten zählen der *Wagenlenker von Delphi* (Bronze, ca. 478 v. Chr.) und die Naxische Sphinx. Seit 1987 ist die Stätte UNESCO-Weltkulturerbe.
Praktische Tipps
Das Archäologische Gelände und Museum von Delphi (ganzjährig geöffnet; ca. 2,5 Stunden Fahrt von Athen) ist der beste Ausgangspunkt, um den materiellen Überresten zu begegnen — dort sind der Omphalosstein, der Bronzewagenlenker und beschriftete Weihegaben zu sehen. Für Quellentexte auf Deutsch oder Englisch lohnen sich Herodots *Historien* (Bücher 1 und 7 für Kroisos und das Salamis-Orakel) sowie Plutarchs *Moralia* — *De Pythiae oraculis* und *De defectu oraculorum*. Als wissenschaftliche Standardwerke gelten H.W. Parke und D.E.W. Wormells *The Delphic Oracle* (2 Bde., 1956), Joseph Fontenroses *The Delphic Oracle* (1978, mit Katalog aller überlieferten Orakelsprüche) und Michael Scotts *Delphi: A History of the Center of the Ancient World* (2014). Wer sich für die geologische These interessiert, findet die relevanten Argumente bei De Boer et al. (*Geology*, 2001) und Lehoux' Gegendarstellungen.
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